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Andrea Huber Brösamle

Bernstein Koordinationsstelle (BCOS)

Diplomarbeit bei Roche in Basel, Promotion mit Auszeichnung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, Postdoc an der John Hopkins University – der Lebenslauf von Andrea Huber Brösamle beschreibt eine erstklassige Wissenschaftskarriere. Bis vor kurzem leitete sie eine Arbeitsgruppe am Helmholtz Zentrum München, wo sie über die molekularen Grundlagen neuronaler Plastizität und Regeneration adulter Nervenbahnen forschte. Seit dem 15. September 2013 ist sie nun 
Leiterin der Bernstein Koordinationsstelle (BCOS).

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Andrea Huber Brösamle


„Eigentlich wusste ich schon sehr früh, dass ich etwas in den Lebenswissenschaften machen wollte“, erklärt Andrea Huber Brösamle. Aufgewachsen in der Nähe von Basel kam sie bereits in jungen Jahren mit den dort ansässigen Pharmakonzernen in Kontakt. Ihrem Interesse folgend, studierte die gebürtige Schweizerin Biologie mit dem Schwerpunkt Biochemie an der Universität Basel. Die Diplomarbeit schrieb sie in der präklinischen Pharmaforschung über die molekularen Grundlagen der Alzheimer Erkrankung. Während einer Autofahrt hörte sie im Radio einen Beitrag über Martin Schwab, ihrem späteren Doktorvater. „Als ich erfuhr, wie er nach Regenerationsmöglichkeiten für Querschnittslähmungen suchte, wusste ich: ‚Das ist das, was ich machen will’“. Sie schickte ihm einen Brief, in dem sie ihm darlegte, warum sie bei ihm promovieren muss – und forschte die nächsten Jahre in seinem Labor am Institut für Hirnforschung der ETH Zürich über Nogo-A, einem Hemmstoff, der verhindert, dass Nerven wieder zusammenwachsen, wenn sie im Rückenmark verletzt werden. Für ihren Beitrag zur Aufklärung der molekularen Natur von Nogo-A und für ihre Erkenntnisse, wie man diesen Wachstumsinhibitor mittels Antikörper hemmen kann, wurde Huber Brösamle mit der Medaille für eine hervorragende Doktorarbeit der ETH Zürich ausgezeichnet. 2002 erhielt sie außerdem für ihre Forschung den „Outstanding Young Investigator Award“ der International Campaign to Cure Paralysis.

Einen Forschungsaufenthalt als Postdoc absolvierte die Biologin in der Arbeitsgruppe von Alex Kolodkin am Department of Neuroscience, The John Hopkins Medical School in Baltimore, USA. „In dieser Zeit bin ich mit meiner Arbeit in der Ontogenese zurückgegangen“, erklärt Andrea Huber Brösamle. „Mich interessierte, wie Nervenfasern während der Entwicklung überhaupt gerichtet wachsen können und welche Faktoren diese Entwicklung leiten“. Mittels Tracing-Methoden untersuchte sie in Mäu-sen und Hühnerembryonen, welche molekularen Wegleiter dafür sorgen, dass Nervenfasern ihren Weg vom Zentralen Nervensystem in die Extremitäten finden und somit die Ausbildung des Motorsystems sicherstellen. Als besonders wertvoll empfand die Neurowissenschaftlerin die wissenschaftliche Freiheit, die sie in dieser Zeit erlebte. Dank Postdoc-Stipendien des Schweizerischen Nationalfonds und der Christopher Reeve Foundation konnte sie sich völlig auf ihre eigene Forschung konzentrieren, neue Ideen entwickeln und auch das Risiko eingehen, erst auf Umwegen zum Ziel zu gelangen.

Nach einem 5-jährigen Aufenthalt in den USA, wo auch ihre beiden Kinder geboren wurden, zog es Andrea Huber Brösamle mit ihrer Familie 2006 nach Deutschland. Am Institut für Entwicklungsgenetik des Helmholtz Zentrums München baute sie ihre eigene unabhängige Nachwuchsgruppe auf. Nun hatte sie die Möglichkeit, ihre bisherigen Forschungsgebiete zusammenzuführen und weitere Techniken wie etwa elektrophysiologische Ableitungen und genomische Analysen in ihre Analysen einzubeziehen. Ihr wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der neuronalen Plastizität und Regeneration: Können kleinere Schäden des Motorsystems, die während der Embryonalentwicklung entstanden sind, nach der Geburt kompensiert werden? „Um einen korrekten Schaltkreis zu bilden, sind nicht nur Wegleitungsmoleküle wichtig, sondern auch Stoffe, die die Nervenfasern zusammenhalten,“ erklärt Huber Brösamle. Fehlen sie, so kommt es zu fehlerhaften Verschaltungen. Durch ihre Untersuchungen fand Huber Brösamle heraus, dass es direkt nach der Geburt eine sensible Phase gibt, während der durch intensives Training solche Störungen behoben werden können. Diese Periode dauert jedoch nicht ewig an: Nach kurzer Zeit machen bestimmte Moleküle das „Fenster“ zu. Wird diese Phase verpasst, so kann ein sonst gesunder Organismus für eine gewisse Zeit nicht behandelte Fehlentwicklungen kompensieren. Kommen jedoch weitere Faktoren hinzu, wie etwa fortgeschrittenes Alter, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Störung offen ausbricht. „Meiner Meinung nach müsste sich die Forschung über degenerative Erkrankungen deshalb verstärkt auch Vorgänge in der Entwicklung anschauen,“ so die Neurobiologin.

Es stellt sich die Frage: Warum will sie als erfolgreiche Wissenschaftlerin die Forschung verlassen? „Wir befinden uns in einer äußerst spannenden Zeit für die Entwicklung der öffentlichen Forschung. Thematisch organisierten Forschungsverbünden kommt immer größere Bedeutung zu,“ antwortet Andrea Huber Brösamle. „Mich reizt es, diesen Entwicklungsprozess in meinem Interessensgebiet der Neurowissenschaften mitzugestalten.“ Im Verlauf ihrer Forschungskarriere hat der Aspekt, Wissenschaft möglich zu machen, immer mehr Gewicht bekommen. Bereits in den USA arbeitete sie aktiv in einem Konsortium für Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) Forschung mit. Auch danach riss ihr Engagement im Bereich des Wissenschaftsmanagements nicht ab. So arbeitete sie als Gutachterin für nationale und internationale Forschungsagenturen und wurde zum Mitglied des Wissenschaftlich-Technischen Rats des Helmholtz Zentrums München gewählt. „Besonders interessant fand ich die Unterschiede zwischen Institutionen wie etwa der ETH Zürich oder der John Hopkins University, welche primär durch die Ausrichtung ihrer Forscherpersönlichkeiten bestimmt werden und programmorientierten Einrichtungen wie der in erster Linie vom BMBF geförderten Helmholtz Gemeinschaft“, erklärt Huber Brösamle.

Um ihr zweites Hauptinteresse zu vertiefen, absolvierte Andrea Huber Brösamle eine zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung an der Helmholtz-Akademie für Führungskräfte in St. Gallen, welches sie 2010 mit einem Master in Management abschloss. Neben verschiedenen Bereichen des Managements, wie etwa dem Innovationsmanagement, lernte sie hier Grundlagen der Finanzwirtschaft und den Umgang mit Medien. In ihrer Masterarbeit hat sie sich dem Thema der Zielformulierung und Evaluation von Wissenschaftlern gewidmet. Als langjähriges Mitglied in internationalen Forschungsverbünden wie dem European Neuroscience Institute Network und dem International Research Consortium on Spinal Cord Injury hat Andrea Huber Brösamle zudem persönlich erfahren, wie wichtig eine Administration ist, die sich an den Bedürfnissen der Forschenden orientiert – eine Einsicht, die ihr zukünftig auch bei der Koordination des Bernstein Netzwerks nützlich sein wird.

Am Bernstein Netzwerk schätzt Andrea Huber Brösamle besonders, wie die recht vielfältigen Forschungsbereiche der einzelnen Arbeitsgruppen im Bereich der Computational Neuroscience zusammengeführt werden. Sie freut sich auf ihren Einstieg ins Netzwerk. Für den Beginn ihrer Tätigkeit in der BCOS plant sie eine Deutschlandtour, auf der sie die verschiedenen Bernstein Standorte besuchen will. „Ich bin sehr gespannt darauf, alle beteiligen Bernstein Personen und Projekte kennenzulernen.“