Artikelaktionen

Sie sind hier: Startseite / Das Netzwerk / Netzwerkpartner / Bernstein Preis / Philipp Berens

Philipp Berens

Bernstein Preis für Computational Neuroscience 2015

Der Netzhaut auf den Grund gehen

In unserer Netzhaut existieren viele verschiedene Typen einer bestimmten Zellart, der Bipolarzellen. Mittlerweile sind 14 Unterarten bei der Maus bekannt. Wie kommt diese Vielfalt zustande – und erfüllen die Zellen unterschiedliche Rollen bei der visuellen Verarbeitung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Philipp Berens. „Mithilfe von Computermodellen versuche ich, die funktionalen und biophysikalischen Eigenschaften dieser Zellen zu verstehen“, erklärt Berens. „Meine Modelle bauen dabei auf physiologischen und anatomischen Daten aus experimenteller Forschung auf.“ Die Computermodellierung ermöglicht ihm, den Wissensstand über die Nervenzellen zu testen: Liefern die Modelle andere Ergebnisse als die Messungen an lebenden Zellen, dann herrscht noch eine Wissenslücke vor, die geschlossen werden muss.

In den letzten Jahren hat Berens mit seinen experimentell arbeitenden Kooperationspartnern bereits Ganglienzellen untersucht, eine weitere Zellklasse der Netzhaut. Diese erhalten ihre Eingangssignale von den Bipolarzellen und sind ihnen damit auf dem Weg vom Licht zum Nervenimpuls im Gehirn nachgeschaltet. Mit statistischer Datenanalyse hat er verschiedene Typen von Ganglienzellen klassifiziert. „Dabei hat sich herausgestellt, dass es nicht – wie bis dahin angenommen – eine Handvoll Ganglienzellarten gibt, sondern 30 bis 40 unterschiedliche Typen. Sie alle erfüllen eine unterschiedliche Funktion und schicken eine eigene Bildversion an das Gehirn“, so Berens.

Die Erforschung der Bipolarzellen ermöglicht dem Hirnforscher, die große Vielfalt der Ganglienzellen zu verstehen. Gleichzeitig verfolgt Berens mit seiner Arbeit medizinische Anwendungsmöglichkeiten: So wird er in einem weiteren Schritt untersuchen, welche Auswirkungen degenerative Netzhauterkrankungen auf verschiedene Zelltypen haben. „Fallen alle Bipolarzellen gleichzeitig aus oder überleben manche Typen länger als andere? Und ergibt sich aus diesen Erkenntnissen ein diagnostischer Marker, mit dem wir den Fortschritt der Erkrankung beim Patienten messen können?“, fragt Berens.

Mithilfe des Bernstein Preises will Berens nun eine Arbeitsgruppe an der Universität Tübingen aufbauen, wo er bereits ein Projekt am Bernstein Zentrum und dem Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften – CIN (dem Exzellenzcluster der Universität) leitet und mehrere Kooperationspartner hat. Er freut sich auf die anstehenden Forschungsprojekte: „Die Herausforderung bei der Erforschung des Nervensystems ist, einen Bereich zu finden, der ausreichend komplex ist, dass dort auch etwas Spannendes passiert – aber gleichzeitig einfach genug, um ihn zu verstehen. Die Netzhaut ist ein ideales Beispiel dafür.“


Preisträger:

Dr. Philipp Berens
Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience Tübingen
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Otfried-Müller-Str. 25
72076 Tübingen
Tel: +49 (0)7071 29 88910
E-Mail: philipp.berens@uni-tuebingen.de